des Erbsenrades

Feuerbräuche wie das Erbsenrad gab es in den Fünfziger Jahren noch in einigen Dörfern im Hochwald. Die Ausübung dieser Bräuche lag in der Regel in den Händen der (männlichen) Dorfjugend. In einer Zeit, als das Leben im Dorf den jungen Leuten noch wenig Unterhaltung bot, waren diese Bräuche eine willkommene Abwechselung.

Das war auch in Wadrill nicht anders. Schließlich war mit dem Lauf des Ebsenrades das Fest nicht zu Ende. Nein, es ging eigentlich erst richtig los. Schon am Nachmittag des „Erbsensonntags“ – so nennt man in Wadrill den ersten Fastensonntag – waren junge Leute im Dorf unterwegs, um Eier zu sammeln. Auch das ein oder andere Stück Speck wurde dankbar angenommen. Nachdem der alte Brauch vollzogen war, wurden Eier und Speck in die Pfanne gehauen und bei reichlich Bier gab es eine zünftige Fete, die manchmal bis in die Morgenstunden dauerte.

Eigentlich stand die Ausübung des Brauches mit anschließendem Eierschmaus dem jeweiligen „Ziehungsjahrgang“ zu. Doch mangels Personal war das nicht immer möglich. Außerdem war es von Vorteil, wenn man einige erfahrene „Radwickler“ dabei hatte. In Wadrill waren lange die verschiedenen „Ecken“ (Dorfteile, auch in Gehweiler) in regelmäßigem Wechsel zuständig. Auch der Fußballclub nahm sich über mehrere Jahre des Brauches an. Seit rund 30 Jahren ist es nun der Verein der Heimat- und Naturfreunde, der den Brauch alljährlich pflegt.

Der Brauch wird heute noch so ausgeführt, wie er seit Generationen im Dorf überliefert ist. Leider konnten bisher keine schriftlichen Zeugnisse aufgespürt werden, die Einblicke geben könnten in frühere Zeit. Als Aufsatzthema in der Volksschule Wadrill war das Erbsenrad allerdings ein „Dauerbrenner“. Mündliche Überlieferungen reichen zurück bis ins 19. Jahrhundert. Sie belegen, dass das Rad - außer in den Kriegsjahren - regelmäßig lief.

Kein Wadriller kann von sich behaupten, jemals ein aus Erbsenstroh gewickeltes Rad gesehen zu haben. Es ist jedoch bemerkenswert, dass sich
die Begriffe „Erbsenrad“ und „Erbsensonntag“ bis heute erhalten haben. Bevor die Kartoffel in unserer Gegend um 1750 heimisch wurde, waren Erbsen ein Hauptnahrungsmittel. Getreidestroh war als Futter- und Streumittel zu wertvoll, aber Erbsenstroh gab es damals in Mengen.

Schriftliche Zeugnisse über Brauchtum, in dem Feuerräder eine Rolle spielen, stammen aus Nordeuropa. In einem alten englischen Gedicht wird die Zeremonie wie folgt beschrieben:

„Die Leute nahmen ein altes, verfaultes, nicht mehr benutztes Rad, umwanden es ganz und gar mit Stroh und Werg und trugen es auf den Gipfel eines Berges. Wenn es dunkel geworden war, zündeten sie es an und ließen es den Berg hinunter rollen, ein merkwürdiges und ungeheures Schauspiel, man könnte meinen, die Sonne sei vom Himmel gefallen.“

Es ist erstaunlich, wie deutlich es sich in diesem alten Gedicht das heute noch in Wadrill gepflegte Brauchtum widerspiegelt.

Bei vielen Naturvölkern wurde die Sonne als Gottheit verehrt. Vielfach galten auch Wasserfälle als heilig. Natürlich passte diese heidnische Vorstellung nicht ins christliche Weltbild. Für den Christen ist Gott der Ursprung allen Lebens. Die Aufnahme des Kreuzes in die Zeremonie des Erbsenrades ist eigentlich ein Widerspruch. Das neue christliche Denken vermochten die alten heidnische Riten nicht völlig zu verdrängen.

Beides existierte nebeneinander, wurde – beim Erbsenrad – sogar miteinander verbunden. Das Kreuz leuchtet zuerst auf, so ist der Brauch überliefert.

Es gibt dann seine Kraft an das Rad weiter. Durch das Lied „Großer Gott,
wir loben dich“ wird vollends klar, wer der Ursprung des Lebens ist.

So wird der Brauch bis heute gepflegt und die Heimat– und Naturfreunde sind bemüht ihn möglichst unverfälscht fortzuführen. Einige technische Änderungen in den letzten Jahrzehnten waren allerdings notwendig.

So ist es heute zum Beispiel völlig unmöglich, jedes Jahr ein großes hölzernes Wagenrad zu verbrennen. Das Rad ist jetzt aus Eisen zusammengeschweißt und wird jedes Jahr wieder verwendet. Es ist auch wesentlich größer als früher, mannshoch und ca. fünf Zentner schwer. Dies wurde notwendig, weil die Laufstrecke heute fast doppelt so lang ist wie früher, das Rad muss länger „durchhalten“, um brennend den Bach zu erreichen.

Vor Jahren gehörte es zur Tradition „Erbsenrad“, Kreuz und Kerzen von kräftigen jungen Männern durchs Dorf bis auf den „Perscher Kopf“ zu tragen. Diesem ungewöhnlichen Zug schlossen sich dann viele Schaulustige an. Seit Jahren wird das schwere Rad mit Traktor und Wagen auf den Berg geschafft.

Sonne, Erde und Wasser aber sind die Urkräfte des Lebens. Das gemeinsame Wirken dieser drei Elemente sorgt für Wachstum und hält den Kreislauf auf Erden in Gang.

Der Brauch des Erbsenrades ist die symbolische Verbindung dieser drei Elemente. Das brennende Rad ist das Symbol der Sonne. Ihre wärmende Kraft wird gleichsam vom Himmel herabgeholt, damit sie sich mit der Erde verbindet. Wenn schließlich das brennende Rad am Ende seines Weges im Bach verlöscht, ist auch die dritte Kraft, das Wasser, eingebunden – drei Elemente sind zu einer gemeinsamen, Leben spendenden Kraft vereint.

Außerdem sollte die Wärme der Sonne den Winter endgültig vertreiben und die Erde aus Ihrem Winterschlaf wecken.